albertrichard pfrieger

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Werner Meyer, Kunsthalle Göppingen
albertrichard Pfrieger
Galerie Wohlhüter, 8.1.2017

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Exkurs: „Mein Jahrgang“: Ich habe klassische Kunstgeschichte in Tübingen studiert, Ikonologie, die sich ausdrücklich mit figurativer Kunst beschäftigt. Wir durften auch ein bisschen an der Moderne schnuppern, aber das hatte spätestens im Kubismus auch sein jähes Ende. Mein Interesse an der zeitgenössischen Kunst musste ich außerhalb des Studiums befriedigen. Ich bin bis heute passionierter Kunsthistoriker, der Surrealismus und das Informel bedeuteten für mich den Zugang zur Gegenwartskunst. Meinen ersten Text habe ich als Student veröffentlicht über einen jungen Künstler (selbst auch noch Student), der sich damals dem Informel verschrieben hatte.

Wenn wir uns auf die Bilder von albertrichard Pfrieger einlassen, dann erkennen wir die Kraft, die Gewalt, vor allem die Unmittelbarkeit seiner direkten, rohen Linien und Pinselgesten. In dieser Unmittelbarkeit entwickelt sich einerseits so etwas wie eine Nähe im Miterleben. Und zugleich spüren wir das Gefühl der Verweigerung genau des Moments, in dem sich das Bildgeschehen zur benennbaren Form, zum Muster oder zum wiedererkennbaren Motiv fügt, also sich so etwas wie eine Lösung eines vermeintlichen Rätsels andeutet.

Alles entsteht aus dem zeichnerischen Gestus, sei es mit dem Graphitstift oder mit dem Pinsel. „Die Zeichnung ist mein eigentliches Ding“, verriet mir der albertrichard Pfrieger am Telefon. Mit jedem Bild lässt sich der Künstler auf ein Abenteuer ein, unbedacht und direkt, radikal physisch aus der Bewegung des Arms und der Hand, radikal subjektiv, denn es ist seine Bewegung und seine persönliche Spur, denen er in seinen Bildern freien Lauf lässt. Das freie zeichnerische Handeln allein ist wesentlich. Der Künstler lässt es geschehen und bricht ab oder setzt neu an, bevor sich etwas Bestimmtes und Reflektiertes – sprich: „Bedeutung“ – einstellt, eine dechiffrierbare Form oder die viel beschworene Schönheit gemäß irgendwelchen Regeln der Kunst. Die Wahrheit liegt in dem Moment des Handelns, in der unmittelbaren Direktheit des Gestus, der nichts anderes meint als den Ausdruck seiner selbst, konkret, ohne sich auf etwas anderes zu beziehen als auf diese unmittelbare Existenz und Evidenz des Bildgeschehens. Darin findet der Künstler für sich und für den Betrachter eine radikale Autonomie, maximale Subjektivität und Authentizität (alles Begriffe und Werte der Moderne). Und darin liegt auch die besondere Lebendigkeit der Arbeiten begründet.

Auf der einen Seite spüren wir die Tradition der Moderne, den Drang zur Abstraktion, zur Freiheit und zur konkreten Einzigartigkeit bis hin zum Informel und zum abstrakten Expressionismus. Diese haben sich aus dem surrealistischen Konzept der „écriture automatique“ (André Breton) entwickelt. Die „écriture automatique“ sollte ursprüngliche, im Unbewussten und Subjektiven verborgene Energien und Potentiale freisetzen. Eine solche künstlerische Haltung experimentiert nicht nur mit dem Subjektiven, sondern auch mit dem Zufall, mit dem Unberechenbaren, mit einer maximalen Unabhängigkeit des Ausdrucks, spontan und allein dem gegenwärtigen Selbstgefühl und der Dynamik des Moments geschuldet.

Auf der einen Seite hat dieser Moment etwas selbstbezüglich Asketisches. Dazu gehört auch die Verweigerung aller Regeln und Normen, eines Stils, der Komposition, der Handschrift… also all der Referenzen, die wir für gewöhnlich in Anspruch nehmen, um den Kunstcharakter des Werkes zu beschreiben. In den Bildern und ihren Titeln wurden verschiedentlich Dada und Fluxus vermutet. Wir erleben ganz sicher den schöpferischen Impetus künstlerischer Anarchie, die sich in der Spontaneität und in der Dynamik des Entstehungsprozesses verausgabt. Die Titel sind manchmal hinreißende Zumutungen, unverschämte Herausforderungen, wenn wir nach Bezügen im Bild suchen. Versuchen Sie Titel wie „hörste“, „Liebes Schwarzwaldmädel“, oder die großartig als verschmitzte These: „Die Stelle des zweiten Verstehens“ mit dem, was Sie sehen, in Verbindung zu bringen.

Wenn wir annehmen, dass künstlerisches Handeln und Denken immer auch die Grenzen der bislang geltenden Kunst ausloten und erweitern, so scheint es mir, als ob es hier in den Arbeiten von albertrichard Pfrieger darum geht, Kunstwerke zu schaffen, die keine Kunst sind, jedenfalls nicht im konventionellen, im kunsthistorischen Sinn.

albertrichard Pfrieger schickt sich selbst und uns in unbekanntes Gelände. „Ohne Bezeichnung“ als Titel der allermeisten Zeichnungen entpuppt sich leicht als ein ironisches Wortspiel und lässt genauso alle Fragen offen, wie das, was wir sehen, und wirft uns auf das zurück, was wir empfinden, wenn wir des eigentlich Unsagbaren gewahr werden, nämlich auf unsere eigene Subjektivität, unser Empfinden des Moments, in dem das Bildgeschehen vor unseren Augen konkret wird. Da haben wir im Sehen dieselbe Freiheit, wie der Künstler im Tun. Damit werden die Bilder zu kommunikativen Gesten auf einer anderen Ebene, als wir das von Bildern gewohnt sind. Wer seine Wahrnehmung von der Außenwelt abschottet, hat die Möglichkeit, eine Innenwelt zu erkunden, die offensichtlich ihre eigene Sprache offenbart.

Das vermeintliche oder tatsächlich Unfertige – wer kann das noch entscheiden? -, das Unabgeschlossene – das non finito / infinito? – öffnet den Raum für Imagination und Vorstellungsvermögen. Und wenn sich dieses zu sehr an schon Erfahrenem festzumachen droht, dann wissen diese Bilder auch das wieder in Frage zu stellen. Immer wieder wird man sich bewusst: Diese Bilder sind der Ausdruck einer unteilbaren Unmittelbarkeit von Zeit – Bewegung, Dynamik, Energie –, von dem Ort des Bildes – das Spielfeld, der Spielraum des Bildgeschehens - und der handelnden Person und ihrer uneingeschränkte Hingabe im Machen wie im Sehen, die die Wahrnehmung einfordert.

Dabei schmeicheln die Bilder zu keinem Zeitpunkt den Augen des Betrachters. „Wenn ein Bild unbequem ist, ist es gut“, wird der Künstler zitiert. Die im Grunde fast immer zeichnerische Geste, ihr Prozess, ihre Energie ihre Offenheit und Unabgeschlossenheit, die Potenz der Bewegung, die all dies beinhaltenden Gesten an sich und deren Spuren sind das zentrale Thema der Bilder von albertrichard Pfrieger. Und damit verbunden sind Empfindungen. Ich zitiere Dr. Johannes van Megen: „Das Spektrum ist weit: Angst versus Freude, Leben versus Tod, Furcht und Lust, Schönheit und Hässlichkeit – alle denkbaren gegensätzlichen Affekte sind seine Themen…“ – ich ergänze: wenn man beginnt, die Bilder zu interpretieren über den rein bildhaften Tatbestand hinaus. Aber genügt nicht auch schon die Wahrnehmung allein der Ästhetik des Bildgeschehens? Nun haben Sie, meine Damen und Herren, etwas vor, das ich Ihnen gewiss nicht abnehmen will.