Clemens Ottnad zu "Serienvielfalt", März 2019, Schloss Donzdorf

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albertrichard Pfrieger ist seine eigene Sinnguerilla. Der 1951 in Randegg geborene Zeichner und Maler besteht zunächst einmal vehement darauf, seine beiden Vornamen klein und zusammen zu schreiben – bei der ersten Erwähnung also schon protestiert das computerkonforme Rechtschreibprogramm gegen soviel geballte anti- dudenische Auflehnung. Seit jeher sträubt sich auch seine künstlerische Arbeit insgesamt – durch und durch von der Zeichnung und dem zeichnerischen Gestus geprägt – gegen eine fremdbestimmte Besatzung durch irgendwelche selbst- ernannten Deutungsobrigkeiten (sinnbedürftige Kunsthistorie und den Galerienmarkt inklusive). Mit anarchischer Lust am bildnerischen Tun versehen, schickt er viel lieber seine Papierarbeiten und Malereien hinter die Linien des von uns von sonntäglicher Vernissage zu Vernissage ach so feinsinnig eingeübten Kunstverstandes, um Neuland zu erkunden, mitunter auch sich selbst zu überraschen.

Dabei hätte man durchaus gewarnt sein können. Vor dem Eingang nämlich in das Atelier von albertrichard Pfrieger in Singen am Bodensee, wo der Künstler (neben Neu-Ulm) vorwiegend lebt und arbeitet, stehen riesige aluminen ummantelte Tauchflaschen bereit. Schnell wird zwar klar, dass diese wohl eher zum benachbarten Dive Equipment & Trocki Test Center (schon dieses Namensfundstück könnte einer pfrieger-typischen Bildbetitelung wert sein) gehören müssen. Im wahrsten Sinne eingetaucht aber in die schier ausufernde Serienvielfalt der im Atelier entstandenen Arbeiten (Serienvielfalt nun tatsächlich auch der Titel der aktuellen Ausstellung hier in Donzdorf), wäre ein zusätzlich mitgebrachter Sauerstoffvorrat jetzt allerdings nicht von Schaden gewesen, um all das dort Versammelte in gebührendem Maße visuell vereinnahmen zu können.

Eine geregelte Übersicht einzelner Werke erscheint dabei gar nicht möglich und vielleicht auch nicht gewollt, als eines vielmehr ins andere organisch überzugehen versteht. Zeichnung, Malerei, Collagen, druckgrafische Blätter, Materialassemblagen und alle Mischformen untereinander. Die Malerei kann winzig klein, die Zeichnung umgekehrt auf Riesenbahnen der hierarchisch nobilitierteren Schwesterkunst den Rang ablaufen. Die skripturale, verkritzelt und verkrakelte Linie verbündet sich da mit jählings abgefeuerten Farbgeschossen, die implodierende Malsterne auf den Bildfirmamenten hinterlassen, synaptische Runden docken aneinander an, unregelmäßig ausgerissene Papierrümpfe springen auf die leicht ausfasernde Leinwand über, scheinbar beiläufige Notationen. Und aus dem pfrieger’schen Giftschrank (spätestens jetzt lohnte sich vorsorgliche Sauerstoffzufuhr und prophylaktischer Augenschutz) gesellen sich allerhand furchterregende, inzwischen wahrscheinlich längst verbotene Substanzen hinzu. Mitten in diesen geheimnisreichen Bilduniversen – respektive ungestüm verrätselten Universalbildern – feiern sie miteinander fröhliche Urständ. Nichts will, alles kann schön sein, wenn man es denn darauf anlegt und zulässt; es liegt an ihm, es liegt an uns. So schlägt sich denn auch wie in einer nahezu automatischen Schreibweise, wie wir sie als unbewusstes Tun und Spur des inneren Erlebens seit spätestens weiland der écriture automatique von den Surrealisten her kennen, der Bogen von der einen Arbeit zur nächsten. Kreist, brodelt, zischt, zerzackzaust sich im ungebärdigen Lineament, verrinnt kopfüber in Farbe, und löst sich immer wieder schon auf, bevor die Form sich noch je so richtig verfestigen konnte. In einem Kommentar für den Kunstverein Singen hat es der Künstler selbst einmal (2015) folgendermaßen formuliert: „In einer direkten unreflektierten Malhandlung werden innereigene Prozesse auf einem Bildgrund sichtbar gemacht. Es gibt keinen wirklichen Bewegungsablauf [mehr], sondern Immobilität und keinen Zeitablauf mehr, [sondern] nur Simultaneität. Das schließt Dynamik nicht aus. Dynamik ist hier Bewegung als Potenz. Zusammengefasst: So schnell wie möglich, so wenig wie möglich.“

Da wundert es auch kaum keinen mehr, dass seit mindestens 1998 Ausstellungen von albertrichard Pfrieger immer wieder einmal unter das wiedergängerische paradoxe Motto gelangweilte gestik gestellt sind (vgl. das reichhaltige Ausstellungs- verzeichnis des Künstlers), mal als „total gefühlsecht“ und mal an anderem Ort zu „plötzlich und uranständig“ variiert. Zwischen den donz-dorferischen gülden glänzenden Lüstern und vor dem Hintergrund des feudalistisch akkuraten Tapetenornaments des heimischen Roten Saals zuletzt haut dann gar ein Blütenlippler bzw. noch einmal Calypso (so einer jener vielfach poetisch bis absichtsvoll nichtssagenden Bildtitel albertrichard Pfriegers) auf den sich wild delirierend ausbreitenden Bedeutungsbrei. Lösung A: Es handelt sich um das Martyrium des Heiligen Sebastian, das den Schergen gehörig aus dem Ruder gelaufen ist; Antwort B: Eisbein und Knödel sind angerichtet, heiß dampfend auf einer großen runden Schale; Antwort C: Mikadomorphe Malkonstruk-tion, frühes 21. Jahrhundert; oder aber D, bestimmt ist es D: nichts von alledem.

Zwischen den bekannten stilgeschichtlichen Kategorien aber, in die wir albertrichard Pfrieger nur zu gerne endlich einmal einzuschubladisieren bestrebt sind – ob Arte Povera, Lyrische Abstraktion, Informel oder Abstrakter Expressionismus und all der anderen Ismen – sollte doch vielmehr jener unbändige Freiheitswillen und die Unmittelbarkeit seiner Werke ansteckend wirken, sozusagen die eigene Lust am lullenlutschen wecken; wenn sich wieder einmal (wie in der lullengelutschten Collage der aktuellen Schau) Babyschnuller, Steinpilz und Behördenstempel im Ringelreihen von Sinn und Deutung kinderleicht die Hände reichen.

Wenn nämlich im Zusammenhang mit seinen Arbeiten immer wieder die Rede von „roh“ oder „unfertig“ ist, bietet sich genau an dieser Stelle ebenjene Möglichkeit an, die Werke mit ihrem Erfinder unversehens fraternisierend weiterzudenken, – hit and run – auch anders und gegen den Strich zu denken, mitfabulieren zu können, in einem Reich der vielen statt nur des einen einzig möglichen Sinnes sich zu bewegen. Es wäre dann fast so, wie einer gänzlich fremden Sprache zu lauschen, von der man zwar kein einziges Wort versteht, deren geheimnisvolle Laute, ihr Klang und ihre Intonation aber unwiderstehlich anzuziehen vermögen, vergleichbar etwa einer Oper, für deren Verständnis und Einfühlung mitnichten die zeilenweis‘ bemühte Lektüre des sorgfältig übersetzten Librettos notwendig ist, um sich der Macht der Musik – mit all den damit verbundenen Emotionen und Leidenschaften – selbstvergessen hingeben zu können.

Bekanntermaßen verbaten sich aber schon und gerade in der Zeit um 1900 – einer Epoche der immer weiter zunehmenden Industrialisierung – zahlreiche Künstler jenen von außen aufgezwungenen, rationalistischen Erklärungswahn, der seit so vielen Jahrhunderten bereits eine Vielzahl von Kunstwerken auf dem Gewissen hat. In seinem Le Trésor des humbles (Der Tresor der Armen, 1896) jedenfalls bringt es der belgische Symbolist Maurice Maeterlinck (1862–1949) sehr treffend auf den Punkt, wenn er schreibt: “Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam. Wir glauben in die Tiefe der Abgründe hinabgetaucht zu sein, und wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, gleicht der Wassertropfen an unseren bleichen Fingerspitzen nicht mehr dem Meere, dem er entstammt. Wir wähnen eine Schatzgrube wunderbarer Schätze entdeckt zu haben, und wenn wir wieder ans Tageslicht kommen, haben wir nur falsche Steine und Glasscherben mitgebracht; und trotzdem schimmert der Schatz im Finstern unverändert [weiter].”

Tauchen Sie also – meine sehr geehrten Damen und Herren – in dieser Ausstellung von albertrichard Pfrieger ruhig hinab in die Tiefe aller Abgründe (seiner und auch unserer gemeinsamen), und sollten Sie auch mit falschen Steinen und Glasscherben, zerstückten Leinwänden und verklebten Fetzen von Papier an die Tageslicht- Oberfläche wieder zurück gelangen, dann lassen Sie gleichwohl diese wunderbaren Schätze – je nach Geistes-, Gemüts- und Wetterlage – getrost im Finstern wie im Hellen glänzen!

Clemens Ottnad M.A., Kunsthistoriker Geschäftsführer des Künstlerbundes Baden-Württemberg